Historische Gärten: Landschaftsarchitekten und Spurenleser

Der Rosengarten in Dresden nach der historischen Rekonstruktion. Im Hintergrund erhebt sich die sächsische Staatskanzlei. Foto: Rentsch+Tschersich

Der Rosengarten in Dresden nach der historischen Rekonstruktion. Im Hintergrund erhebt sich die sächsische Staatskanzlei. Foto: Rentsch+Tschersich


Sanft fließt die Elbe hier, das Elbtal hat sie gerade passiert. Während am Terrassenufer Ausflugsschiffe anlegen und Geschäftigkeit die Altstädter Seite prägt, geht es am rechten Ufer ruhiger zu. Den Grundstein dafür, dass sich in der Dresdner Neustadt Parks statt Prachtbauten am Fluss entlangziehen, legte Stadtbaurat Hans Erlwein 1910. Ein Wettbewerb sollte das „Königsufer“ als grünes Pendant zur Altstädter Seite neu interpretieren. Von 1934 bis 1936 entstanden Rosen- und Staudengarten, um gleich nach Fertigstellung die „Reichsgartenschau“ zu beherbergen. Geplant und geleitet wurde das Vorhaben von Stadtgartendirektor Heinrich Balke.

„Mehr war eigentlich nicht mehr herauszufinden“, sagt Rolf Tügel. Der Landschaftsarchitekt plante die Rekonstruktion des Staudengartens, der im Frühjahr 2010 endgültig fertiggestellt wurde und seitdem wieder 12.000 Stauden präsentiert. Die Arbeiten in Dresden begannen für das Chemnitzer Büro „Rentsch+ Tschersich“ bereits 2005. Über den Namen des damaligen Planers hinaus enthielt das 1945 teilweise zerstörte Gartenarchiv wenig Verwertbares. „Es gab kaum historische Unterlagen“, sagt Tügel, „ein paar alte Postkarten haben wir gefunden, aber gerade das Wichtige war nicht mehr da.“

Jede Pflanze für sich
Die Folge: Jede Pflanze musste für das denkmalpflegerische Projekt einzeln erfasst und bewertet werden. Welcher Teil des Bestandes war historisch? Ließ der Zustand der Pflanzen zu, dass sie auch im „neuen“ Staudengarten stehen würden? „Alle paar Wochen“ fuhren Tügel und seine Kollegen nach Dresden und sichteten den Bestand. Vor allem historische Pflanzen waren erhaltenswert. Fast ein Jahr dauerte diese Phase, in der auch die ursprüngliche bauliche Gestalt des Gartens erforscht werden musste. Stets waren zwei bis drei Mitarbeiter des Büros damit betraut. Sie recherchierten mit Hilfe alter Fotografien, Zeichnungen und Beschreibungen. Der Auftraggeber, das Amt für Stadtgrün, startete sogar einen Aufruf an Dresdner Bürger, alte Aufnahmen zur Verfügung zu stellen, die im Zweiten Weltkrieg nicht Bomben und Feuer zum Opfer gefallen waren.

Die ersten Erkenntnisse ergaben sich recht schnell. „Ein Großteil des Gartens war zugewuchert“, erinnert sich Tügel. Über fast 80 Jahre waren Stauden verschwunden oder hatte sich unansehnlich ausgebreitet. Zudem waren die Standortbedingungen nun andere: Die Platanen an der Elbpromenade waren mittlerweile so hoch gewachsen, dass den Stauden nicht mehr genug Licht blieb. „Rein nach historischem Vorbild konnten wir den Garten deshalb nicht rekonstruieren“, sagt der Architekt. Dennoch hatten die intensiven Nachforschungen einiges zu Tage gefördert. So konnten die Architekten ein zentrales Wasserbecken wiederherstellen, das in der Nachkriegszeit zugeschüttet worden war. „Das wussten die Gärtner noch“, macht Rolf Tügel klar, wie sehr die Landschaftsarchitekten auf Hinweise angewiesen waren. Die Fügung meinte es gut mit ihnen, denn der historische Boden des Bassins hatte sich unter der Erde erhalten. „Wahrscheinlich gab es von Anfang an Probleme mit der Dichtigkeit“, nimmt der Fachmann an. Wie bei der Bepflanzung waren auch hier Kompromisse nötig. Die 40 Zentimeter hohen Sandsteineinfassungen des Beckens wurden schließlich mit Beton gegossen. Die ursprüngliche Optik wurde aufgegriffen und seine Oberfläche mit Sandstrahlern aufgeraut. Nur die Abdeckung besteht heute wieder aus echtem Stein.

Drei Jahre bis zum Baubeginn
2006 erstellten „Rentsch+ Tschersich“ auf Grundlage ihrer Vorbereitung eine denkmalpflegerische Zielsetzung für den Staudengarten. Ein solches Konzept erfordert die Beantwortung grundsätzlicher Fragen – im konkreten Fall in enger Abstimmung mit dem sächsischen Landesamt für Denkmalpflege: „Was konnte bleiben, was musste weg? Sollte etwas ersetzt werden – und wenn ja was?“, resümiert Tügel die Schwierigkeiten, „und wie sollten wir mit den Platanen umgehen, um wieder Stauden pflanzen zu können?“
Mehr als ein Jahr war so schon ins Land gegangen. Bis zum Baubeginn vergingen noch einmal zwei, in denen die verantwortlichen Stellen Kostenfragen und Genehmigungen prüfen mussten. Dass ein solch umfangreiches Projekt einer langen Planung bedarf, ist normal. „Häufig dauert es Jahre, bis klar ist, wie welche Maßnahmen umgesetzt werden können“, erklärt der Landschaftsarchitekt, und erinnert sich an ein anderes Vorhaben. Die Erneuerung des Dorfplatzes im Ortsteil Untermaßfeld im thüringischen Meiningen dauerte vom Entschluss bis zur Fertigstellung sogar über zehn Jahre. Dass vor allem öffentlichen Projekten meist lange Planungsphasen vorausgehen, sieht Tügel „gar nicht negativ“. Probleme bereiten eher Projekte, die innerhalb kürzester Zeit geplant und umgesetzt werden sollen. „Schnellschüsse sind am schwierigsten.“
Das liegt abgesehen von Budgetfragen – 400 000 Euro Fördermittel aus dem städtebaulichen Denkmalschutz kostete der Staudengarten – auch daran, dass oft weitergehende Aspekte zu berücksichtigen sind. In
Untermaßfeld verzögerte sich das Vorhaben, weil die dortige Kirche sich zwischenzeitlich auch als sanierungsbedürftig herausstellte, was die Restaurierung um ganze zwei Jahre verzögerte. „Und natürlich sind wir abhängig vom Wetter“, sagt Tügel. Ein harter Winter kann auch die sorgfältigste Planung terminlich ins Wanken bringen: So wurde der Staudengarten erst im Frühjahr 2010 fertig, weil ein früher Wintereinbruch das Bepflanzen unmöglich gemacht hatte.

Den Landschaftsarchitekten bringen solche Unwägbarkeiten nicht aus der Ruhe. „Rentsch+ Tschersich“ hat auch den Elisabethenplan unterhalb der Wartburg und den Rokokopark am Schloss Lichtenwalde geplant. Im Staudengarten wurden die Arbeiten der externen Gartenbauer aus Dresden 2010 sogar mit dem Preis des Sächsischen Garten- und Landschaftsbaus ausgezeichnet. Eine Anerkennung für den großen Aufwand: 2400 Quadratmeter Fläche erreichen auch ausgedehnte Privatgärten. Aber zehntausend neue Stauden und zweitausend Blumenzwiebeln machen den Aufwand deutlich. Das Pflanzen von 15 Bäumen und 320 Sträuchern nimmt sich dagegen fast harmlos aus.

Rentsch+Tschersich
Garten- und Landschaftsplanung
Markusstraße 5
09130 Chemnitz
0371/4 02 78 13